Ich arbeite derzeit im Personalbereich eines großen amerikanischen Unternehmens, doch auf Grund des sehr hohen Frauenanteils (über 85%) war das Thema Väterkarenz für uns noch kein Thema. Da wir es jedoch gewohnt sind, sehr flexibel auf diverse Karenz- und Teilzeitmodelle einzugehen, um zufriedene produktive Mitarbeiter(innen) zu halten, denke ich, dass auch Väter mit dem Wunsch auf Karenz bei uns gut aufgehoben wären. Ich sehe Väterkarenz als eine sehr große Chance für Unternehmen, sich als mitarbeiterfreundlicher Arbeitgeber auszuzeichnen und eine win-win Situation für beide Seiten zu schaffen.
Allerdings mußte ich leider auch schon Situationen in anderen (Männerdominierten) Unternehmen erleben, die als Paradebeispiel für eine vertane Chance und ein ‘so soll es sicher nicht laufen’ stehen: ein junger, gut ausgebildeter Mitarbeiter mit Spezialkenntnissen möchte in Karenz gehen. Er hat sehr genaue Vorstellungen wie lange und wie das in der Abteilung funktionieren kann. Seine Kollegen unterstützen ihn alle, der Plan wird dem Vorgesetzten vorgelegt. Dieser lehnt das sofort ab, ohne sich wirklich genauer mit dem ausgearbeitetn Szenario zu beschäftigen, weil er grundsätzlich der Meinung ist, dass das nicht geht.
Der Mitarbeiter sucht Hilfe und Unterstützung bei der Personalabteilung, doch die Personalleiterin möchte sich nicht weiter einmischen, wenn der Vorgesetzte meint es geht nicht, dann geht es halt nicht. Alle weiteren Versuche des Mitarbeiters und der Kollegen das Thema zu einem guten Abschluss zu bringen verlaufen wirkungslos. Alle sind frustriert, die Stimmung in der Abteilung, aber auch in anderen Bereichen, sinkt. Monatelang gibt es unter Kollegen kaum ein anderes Thema in der Kaffeeküche.
Das Endresultat sind frustrierte Mitarbeiter, deren Bindung und Identifizierung zum Unternehmen schwer gelitten hat. Binnen Jahresfrist verläßt der hochgeschätzte und schwer ersetzbare Mitarbeiter das Unternehmen, hektische und teure Rekrutierungsmaßnahmen setzen ein. Andere Kollegen verlassen ebenfalls das Unternehmen. Wären 10 Monate Karenz wirklich so unbewältigbar gewesen?
Damals hat es mich noch gewundert, wieso ein Vorgesetzter so unnachgiebig sein kann, und seine vorgefasste Meinung wie ein Vater sein soll seinen Mitarbeitern unbedingt aufdrängen will. Doch wenn man bedenkt, dass es noch keine 40 Jahre her ist, dass Frauen ohne die Zustimmung ihres Mannes arbeiten dürfen, also noch keine Generation vergangen ist, seit die Arbeitswelt Männerdominiert war – Frauen zu Hause bei den Kindern – dann ist es vielleicht weniger verwunderlich, wieso sich manche so schwer tun mit der Väterkarenz.
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